Ghettopalme

Ghettopalme ist eine Plattform für Texte und Fotografien zu urbanen Brachen, Stadtentwicklung und räumlicher Politik

Das Recht auf Stadt steht für ein gesamtgesellschaftliches Anrecht auf die im Urbanisierungsprozess angelegten urbanen Qualitäten, die für Lefebvre (1968) in der Begegnung, im Austausch, im Fest und in einem kollektiv gestalteten und genutzten städtischen Raum liegen.

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  • Vom Palast der Republik bis zum Jahn-Sportpark

    Der Umgang mit Architektur, Stadtplanung und Kulturgütern der DDR in der Gegenwart folgt einem Muster der Entwertung, Überformung und selektiven Auslöschung – zugunsten einer kapitalistisch verwertbaren Stadt und einer nationalen Meistererzählung, die die sozialistische Vergangenheit nur als Störung kennt.

    Abriss als symbolische Säuberung

    Der Palast der Republik war nicht nur Repräsentationsbau der SED, sondern für viele Ostdeutsche ein alltäglicher Kultur- und Freizeitort mit Restaurants, Veranstaltungen und öffentlichen Räumen. Nach der Asbestsanierung hätte es zahlreiche Optionen vom Umbau bis zur teilweisen Umnutzung gegeben, doch 2006 entschied der Bundestag den vollständigen Abriss und machte damit Raum für die Rekonstruktion des preußischen Stadtschlosses.

    Damit wurde ein sozialistischer Erinnerungsort buchstäblich aus dem Stadtbild entfernt und durch ein Bild „normalisierter“ nationaler Geschichte – barocke Fassade, innen konsumorientiertes Kultur- und Eventhaus – ersetzt. Der Abriss steht für viele Ostdeutsche für die Abwertung ihrer Lebensgeschichte: Ihre biografischen Erfahrungen im Palast wurden delegitimiert, das Gebäude als „falsche“ Geschichte markiert und durch ein touristisch und kulturell besser vermarktbares Objekt ersetzt.

    Jänschwalde: Förderbrücke F60 und der „saubere“ Strukturwandel

    Die Sprengung der Förderbrücke F60 im Tagebau Jänschwalde wird politisch und medial als emotionaler Schlusspunkt einer Ära und als sichtbares Symbol des Kohleausstiegs inszeniert. In den offiziellen Erzählungen dominieren Begriffe wie „Meisterwerk der Ingenieurkunst“, „Ende einer Ära“ und „moderne Energie- und Industrieparks“, die in eine Fortschrittserzählung des grünen Kapitalismus eingebettet werden.

    Was weitgehend ausgespart bleibt, ist eine konfliktoffene Erinnerung an die spezifische, sozialistisch geprägte Industrie- und Arbeitswelt der Lausitz – inklusive der Ambivalenzen von Ausbeutung, Stabilität, Umweltzerstörung und gesellschaftlicher Einbindung. Stattdessen wird der Raum schnell semantisch „gereinigt“: Die künftige Seenlandschaft, Windräder und Photovoltaikfelder sollen eine neue, investorenfreundliche Identität stiften, während die materielle Hinterlassenschaft der DDR-Bergbaukultur verschrottet wird.

    Jahn-Sportpark: Abriss und Umbau als verdrängte DDR-Geschichte

    Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ist eine zentrale Sport- und Erinnerungslandschaft, deren Stadionanlage in der DDR neu gebaut und für Massen- und Leistungssport genutzt wurde. Nun steht das Cantianstadion im Zentrum eines Großprojekts, bei dem ein vollständiger Neubau mit inklusivem, barrierefreiem Anspruch gegen den Erhalt und die Weiterentwicklung des Bestands gesetzt wird.

    Politik, Sportverbände und Teile der Stadtgesellschaft argumentieren mit Barrierefreiheit, Internationalität und Modernität und rahmen den Abriss als notwendigen Schritt in eine zeitgemäße Sportinfrastruktur. Kritikerinnen – darunter Bürgerinitiativen, Naturschutzverbände und der Pritzker-Preisträger Jean-Philippe Vassal – verweisen dagegen auf Ressourcenverschwendung, Verlust städtebaulicher Charakteristika und auf die fehlende Anerkennung der DDR-Geschichte des Ortes; besonders symbolisch ist, dass der Abriss am 7. Oktober, dem Gründungstag der DDR, begann.

    Hier zeigt sich exemplarisch, wie DDR-Bauten als „defizitär“ markiert werden: energetisch schlecht, funktional veraltet, ästhetisch unerträglich, angeblich grundsätzlich nicht inklusionsfähig – anstatt ernsthaft zu prüfen, welche Qualitäten des Bestands in eine transformierte, sozial-ökologische Sportlandschaft integriert werden könnten. Die Umdeutung des Areals folgt einer Logik des „Neubaus als Erlösung“, die sich auch ökonomisch gut verkauft: ein Prestigeprojekt, das Flächen neu bewertet, Bauaufträge generiert und symbolisch den Anschluss an einen globalen Sport- und Eventmarkt signalisiert.

    Fehlende integrative Erinnerungskultur

    Die drei Beispiele markieren eine Linie: Statt eine widersprüchliche, aber ernsthaft plurale Erinnerung an die DDR zu entwickeln, werden ihre materiellen Zeugnisse abgetragen, überformt oder auf wenige musealisierte Fragmente reduziert. Die DDR erscheint dabei fast ausschließlich als Problem – als baulicher Schadensfall, als politischer Makel, als ästhetischer Fremdkörper –, der beseitigt werden muss, damit eine kapitalistisch und nationalstaatlich kompatible Stadtgeschichte erzählbar werden kann.

    Eine integrative und anerkennende Erinnerungskultur würde mindestens drei Ebenen ernst nehmen: die biografischen Bindungen vieler Ostdeutscher an diese Orte, die architektonischen und städtebaulichen Qualitäten (oder Probleme) der Bauten selbst und die strukturellen Machtfragen der Wiedervereinigungspolitik. Stattdessen dominieren Top-down-Entscheidungen, die DDR-Architektur zur disponiblen Ressource machen: abrissfähig, wenn sie der Aufwertung, Investorenlogik oder symbolischen „Normalisierung“ im Wege steht.

    Radierung der Vergangenheit aus kapitalistischer Perspektive

    Im Zentrum steht letztlich eine kapitalistische Stadtlogik, die Geschichte danach sortiert, ob sie in gegenwärtige Verwertungs- und Brandingstrategien passt. Rekonstruierte Altstadtkulissen, neue Energieparks und Event-Stadien erzeugen vermarktbare Bilder, während sozialistische Großbauten, Industrieanlagen und Sportstätten als schwer integrierbare Relikte gelten – sie widersprechen der Erzählung eines bruchlos erfolgreichen, marktwirtschaftlichen Deutschlands.

    Die scheinbare „Neutralität“ von Asbestgutachten, Barrierefreiheitsstandards oder Klimazielen verdeckt oft, dass hier nicht nur Technik, sondern auch Erinnerungspolitik verhandelt wird. Wo Palast der Republik, F60 und Jahn-Sportpark verschwinden oder radikal umgedeutet werden, entsteht nicht einfach „Neues“, sondern eine selektive Amnesie – eine Stadt, in der die sozialistische Vergangenheit als störende Schicht abgekratzt wird, um Platz für eine glatte, marktförmig anschlussfähige Gegenwart zu schaffen.

  • Himmelspagode

    China meets Brandenburg – Ein Tempel am Rand von Berlin

    Die Himmelspagode in Hohen Neuendorf, nördlich von Berlin gelegen, war über zwanzig Jahre hinweg ein markantes und ungewöhnliches Bauwerk im regionalen Stadtbild. Der runde, dreigeschossige Bau orientierte sich sichtbar an chinesischer Pagodenarchitektur und bezog seine ikonische Form ausdrücklich vom historischen Himmelstempel in Peking – ein bewusst fernöstlicher Akzent im Brandenburger Städtebau. 

    Entworfen wurde das Projekt Anfang der 2000er Jahre in Zusammenarbeit zwischen dem chinesischen Bauherrn Wengui Ye und dem in Hohen Neuendorf lebenden Architekten Christian Rehbock. Die Pagode entstand zwischen 2001 und 2002, kostete mehrere Millionen Euro und integrierte importierte Elemente und Dekorationen aus China – vom Mobiliar bis zu Steinfiguren und Säulen. 

    Im Inneren beherbergte das Gebäude ein chinesisches Restaurant mit knapp 400 Sitzplätzen, das über Jahre Gäste aus Berlin und dem Umland anzog. Mit seinem opulenten Interieur, einem Koi-Teich und exotischen Details bot die Himmelspagode ein räumliches Erlebnis fernöstlicher Atmosphäre und wurde so zu einem der bekanntesten und am häufigsten fotografierten Gebäude Hohen Neuendorfs. 

    In jüngerer Zeit wurde jedoch entschieden, das Bauwerk nicht unter Denkmalschutz zu stellen. Grund ist die Planung eines umfangreichen Wohnquartiers auf dem Gelände. Die Himmelspagode schließt nach dem Sommer 2025 und soll in den kommenden Jahren abgerissen werden – ein Ende, das kontroverse Diskussionen über Erhalt, Identität und den Umgang mit außergewöhnlicher Architektur im urbanen Kontext ausgelöst hat. 

    Mit dem Verschwinden der Pagode verliert Hohen Neuendorf eine seiner auffälligsten architektonischen Landmarken – und ein Beispiel dafür, wie kulturelle und bauliche Vielfalt im Stadtraum sichtbar werden kann.

  • Die Geschichte der Industriebahn

    Berlins vergessene Bahnlinie

    Ursprünglich diente diese Strecke dazu, die Industrie- und Gewerbestandorte im Nordosten Berlins mit den großen Hauptbahnen und dem Hafen in Tegel zu verbinden; sie wurde zwischen 1907 und 1908 abschnittsweise zwischen Friedrichsfelde und Tegel in Betrieb genommen und 1997 endgültig stillgelegt.

    Der Abschnitt hier gezeigte Abschnitt am Märkischen Viertel markierte das nördliche Ende der Industriebahn im Berliner Norden: Hier führte das Gleis nördlich an der Großsiedlung vorbei, querte und band über Anschlussgleise Betriebe und Infrastrukturen wie das Fernheizwerk des Märkischen Viertels an. Bis in die 1990er‑Jahre wurden diese Anlagen noch für den Güterverkehr genutzt, bevor der Betrieb nach und nach einschlief und die Trasse nach der Stilllegung großenteils brachfiel.

    Heute erinnert die Idee eines Grünen Gleisbogens nur noch in Fragmenten an seine Vergangenheit: Überreste von Schienen, alte Bahnrelikte und freigehaltene Trassenräume erzählen von der Zeit, in der Güterzüge zwischen Tegeler Hafen, den nördlichen Hauptbahnen und den Industriestätten im Osten der Stadt pendelten. Die Idee zur Umwandlungeiner Grün‑ und Wegeverbindung schafft eine Perspektive die eine Mischung aus urbaner Natur, Industriegeschichte und Mobilität in einem sich wandelnden Landschaftsraum herstellt. 

    Mit der Eingemeindung großer Teile des Umlands nach Groß-Berlin 1920 verlor der Landkreis Niederbarnim das Interesse an der Bahn und übertrug sie Mitte der 1920er‑Jahre an die Reinickendorf-Liebenwalde-Groß Schönebecker Eisenbahn AG, die wenig später in Niederbarnimer Eisenbahn umbenannt wurde. Damit wurde die einstige Güterstrecke Teil eines größeren Netzes, das sowohl die ländlichen Regionen nördlich Berlins als auch die wachsenden Industriegebiete der Stadt bediente.

  • Berlin wie es nie war

    Eine Reise in die Vergangenheit

  • Brachen I

    Zwischen Ruderalflur und Rendite: Die Bedeutung urbaner Brachen

    Brachen sind im zeitgenössischen Städtebau keine „Leerstellen“, sondern dichte Verdichtungen von Geschichte, Ökologie und sozialem Möglichkeitsraum. Sie entstehen als Nebenprodukte von Krieg, Deindustrialisierung, Infrastrukturrückbau oder geopolitischen Brüchen und unterlaufen damit die lineare Erzählung einer vollständig durchgeplanten, lückenlos verwerteten Stadt (Gandy, 2011).

    Ökologischer Erfahrungsraum

    Gerade urbane Brachen entwickeln oft eine überraschend hohe Biodiversität, weil auf nährstoffarmen, gestörten Substraten eigendynamische Pioniergesellschaften entstehen, die im regulierten Grünsystem kaum vorkommen. Ruderalpflanzen wie Beifuß oder Steppenarten und spezialisierte Insekten machen Brachen zu Laboren „vierter Natur“ (Kowarik, 2011), in denen sich neuartige Stadtökosysteme herausbilden, die klassische Naturschutzbilder herausfordern.

    Erinnerungslandschaften und Spurenträger

    Brachen fungieren als materielle Archive, in denen Trümmer, Bodenaufbauten, Vegetationsmuster und Wegespuren die Schichten urbaner Geschichte sichtbar halten. In der Berliner Nachwendelandschaft etwa verband die spontane Begrünung des ehemaligen Mauerstreifens individuelle Erinnerungen, urbane Feldökologie und ein breiteres Nachdenken über Vergessen und musealisierte Erinnerungspolitik (Gandy, 2022).

    Sozialer Freiraum und Alltagsurbanismus

    Als temporär unregulierte Räume bieten Brachen Nutzungen, die in normierten Parks und privatisierten Zwischenräumen kaum Platz finden – vom informellen Spiel- und Hunderaum über Aneignungspfade bis zu künstlerischen Interventionen. Damit werden sie zu „vernakulären“ öffentlichen Räumen, in denen andere Formen von Öffentlichkeit, Nachbarschaft und städtischer Praxis erprobt werden können. (Gandy, 2011; Gandy, 2022)

    Die zunehmende Einhegung und Bebauung von Brachen – etwa durch geschlossene Wohnanlagen mit inszenierten Gartenlandschaften – markiert die Übersetzung vormaliger Möglichkeitsräume in immobilienwirtschaftliche Verwertungslogiken. Ökologische Rhetoriken und Landschaftsbilder werden dabei oft selektiv eingesetzt, um Projekte zu legitimieren, während die zuvor gewachsene ökologische und soziale Komplexität ausgelöscht wird (Gandy, 2022).

    Ambivalente Zukunft der Brache

    Mit der systematischen Nachverdichtung schrumpft der Bestand an größeren Brachen, während zugleich ihr kultureller und ökologischer Wert nachträglich anerkannt wird – etwa durch „reenactments“ von Ruderalästhetiken in gestalteten Parks. In dieser Spannung zwischen musealisierter Restfläche und spekulativem Bauland werden Brachen zu Schlüsselfiguren der Frage, ob Stadt als offen gehaltenes Gefüge von Möglichkeiten oder als restlos durchökonomisierte Oberfläche gedacht wird.

    Weiterlesen

    Gandy, M. (2011). Interstitial landscapes: Reflections on a Berlin corner. In Urban Constellations (pp. 145–147)

    Gandy, M. (2022). Ghosts and monsters: Reconstructing nature on the site of the Berlin Wall. Transactions of the Institute of British Geographers, 47, 1120–1136.

    Kowarik, I. (2011). Novel urban ecosystems, biodiversity, and conservation. Environmental Pollution, 159(8–9), 1974–1983. https://doi.org/10.1016/j.envpol.2011.02.022

  • Explore Emscher (2022)

    Explore Emscher: Eine fotografische Reise durchs Ruhrgebiet

    Die Emscher ist ein Fluss im Wandel – von einem dreckigen Abwasserkanal der Industrieära zu einem naturnahen, lebendigen Flussraum. Einst vom Bergbau und der Schwerindustrie gezeichnet, wurde die Emscher jahrzehntelang als offene Abwasserleitung genutzt und galt als Symbol für Umweltverschmutzung und städtebauliche Herausforderungen im Ruhrgebiet. Seit den 1990er Jahren läuft ein einzigartiges Jahrhundertprojekt: Der Umbau des Emschersystems transformiert die Region. Durch Renaturierung, unterirdische Abwasserkanäle und die Schaffung grüner Erholungsflächen wird die Emscher wieder zum ökologischen und sozialen Herzstück des Ruhrgebiets.

    Explore Emscher: Eine fotografische Reise durchs Ruhrgebiet

    Das Fotoprojekte dient als Dokumentation für einen umfassenden Strukturwandel einer Industriezone in einen überregional bedeutsamen, grünen öffentlichen Raum

    Private Auflage, nicht veröffentlicht (2022)

  • Keine Kunst I (2023)

    Analoges Fotomagazin – A4_108 Seiten – Printausgabe [Ausverkauft]

    Fotomagazin aus dem Jahr 2023. Das Magazin enthält über einhundert analoge Farbfotografien aus den Jahren 2015 bis 2022. Das Heft gliedert sich in thematisch zusammenhängende Kategorien und dokumentiert das fotografische Schaffen des Autoren zwischen Urbanität und Subkultur.

    INHALT:

    Perspektive//Struktur & Textur//Transformation//Licht & Schatten//Detail

    Auflage 50, Berlin 2023

    Keine Kunst I: Analoges Fotomagazin

  • Basel: Innovationsprojekte in der Stadtentwicklung (2025)

    Stadtentwicklung in einer der wohlhabendsten Städte Europas

    Von der Industriestadt hin zur heutigen lebenswerten Metropole im Dreiländereck. Anhand von drei Transformationsräumen – Klybeck, Dreispitz und Lysbüchel – wird sichtbar, wie Nachhaltigkeit, soziale Inklusion und visionäre Transformation zusammenspielen.

    Recycling und Wiederverwendung von Baumaterialien, neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens, Zwischennutzungen als urbane Labore, partizipative Planungsprozesse, innovative Architektur und konsequente Klimaanpassung prägen den Weg zu einer behutsamen Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert.

    Basel: gestern – heute – morgen